Erkenntnisse

Die Kultur bewegt sich zurück in die Definition der Zeit vor der Renaissance. Gerade die bildende Kunst ist dabei immer stärker wieder zur „art mechanica“ (dienende Kunst) zu verkommen. Doch auch die klassischen „artes liberales“ (Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik) werden immer mehr in diese Richtung gedrängt, da sie zweckgebundenem Handeln zugeführt werden und somit ihre Freiheit verlieren.

Ursache mag sein, dass durch das weltweite Wetteifern der Systeme Kapitalismus und Kommunismus humanistische Werte durch rein monetäre Werte ersetzt wurden. Der kranke Mensch ist nicht mehr wirklich ein zu pflegender Mensch sondern ein Kostenfaktor in der Wirtschaftsbilanz der Krankenkassen.

Musik wird genau wie Bilder zur Kenntlichmachung bestimmter Produkte verwandt. Es wird nicht mehr versucht, rein gedanklich, emotional oder inspirierende Momente zu schaffen, sondern es wird nach geldlich berechenbarem Benefit gesucht. Begriffe wie Bildung, die ursächlich mit Dingen wie Vorbild, bildlichem Denken oder sich an etwas bilden zu tun haben, verkommen zu abfragbarem Wissen und dessen Vermittlung. Dies wird aber eben nicht in einen bildlichen Kontext gestellt, sondern nur eingepaukt. Das bedeutet, dass es in das Kurzzeitgedächnis geschoben wird, kurzfristig abgefragt wird und dann auch schnell wieder vergessen ist.

Wie man mittels Bildern lernt und wie man, was für die Verwendung von Kunstwerken viel wichtiger ist, Bilder für seine eigene Entwicklung einsetzt, wird weder gelernt noch vermittelt. Lediglich Menschen aus Familien, in denen das Lernen aus Bildern schon immer lebte, verstehen den Umgang mit solchem Tun. Eine Gesellschaft mit kulturellem Anspruch braucht aber, neben der pädagogischen Bildung, auch die für den Menschen so wichtige Bildung durch Kunst!

Der Versuch verschiedenster Künstlergruppen der klassischen Moderne, aber auch der Postmoderne, Kunst näher an das Volk zu bringen, muss als gescheitert angesehen werden, da sich diese Gruppierungen ausschließlich auf die im neunzehnten Jahrhundert entwickelten Möglichkeiten der Präsentation, in so genannten „White Cubes“, verließen und verlassen.Dies war sicher in vielen Fällen auch nicht anders möglich.

Neue Präsentationsformen werden im Betriebssystem Kunst nur unzulänglich eingesetzt und wenn sie eingesetzt werden, mit klassischen Begriffen wie Ausstellung, Portfolio, Galerie oder ähnlichem belegt. Neue Formen der Kommunikation im Betriebssystem Kunst brauchen auch neue Begrifflichkeiten. Eine Interaktion der Möglichkeiten findet nicht oder nur zögerlich statt. Auch ist festzustellen, dass durch diese Verwendung der klassischen Begrifflichkeiten für neue Möglichkeiten, die noch nicht zu eigener sozialer Wertigkeit gelangten, die klassischen Begriffe entwertet werden.

Künstler waren der Ansicht, durch Banalisierung der Formensprache, einhergehend mit immer größer und komplizierter werdenden textlichen Erklärungen, den  Menschen Kunst näher zu bringen. Oft verließen sie sich hierbei auf die erklärende Mithilfe anderer, da sie der Ansicht waren – was für vorgebildete Menschen auch zutraf – dass die Werke und Ihre Wirkung selbsterklärend seien. Einige Werke, wie Readymades und auch einige informelle Arbeiten erlangten ihre Erkennbarkeit erst durch das Einrücken in „White Cubes“. Dies ist für viele Menschen unverständlich und führt dann zu der Annahme „das kann ich auch“, da nur die handwerkliche und nicht die geistige Arbeit wahrgenommen wird und, mangels Unterweisung, die oft komplizierten Prozesse nicht erkannt werden. Noch weniger wird auf das eigene, von handwerklichen Eindrücken losgelöste Reagieren gegenüber dem Werk geachtet.

Gruppen wie Zero erklärten, Kunst ganz neu beginnen zu wollen, eben am Nullpunkt anfangend, entwickelten sich dann aber doch in die gleiche Richtung wie andere Künstler vor ihnen. Selbst das Ausgeben der Kunst als Nichtkunst (NO-Art Gruppe um Boris Lurie) führten auf vorbeschrittene Pfade. Ein Nutzen für jeden einzelnen rezipierenden Menschen konnte nicht erzielt werden, da großen Teilen der Gesellschaft der Umgang mit Bild(ung) im Sinne des Kunstgebrauchs vorenthalten wurde und wird.

Wie stellt sich die Situation in der derzeitigen bildenden Kunst dar?

Geht man davon aus, dass sich der Bereich bildende Kunst in vier Hauptbereiche an Schaffenden aufteilt, so sind dies:

1. Der Bereich „freie Kunst“, stark vom Prozess und den freien Gedanken des Schaffenden geprägt, der initial aufgeladene Spuren hervorbringt, die dem Betrachter als impulsgebend für eigene Gedanken und die Bildung eigener Ansichten dienen. Tätige in diesem Bereich müssen Ihre Arbeit auch kulturhistorisch und gesellschaftlich verorten können.

2. Der Zwischenbereich ist der des Designs, in dem die Gedanken in eine vorgegebene Richtung (Auftrag) gelenkt werden. Hier steht die Forderung, Gedanken und Einsichten des Konsumierenden in eine bestimmte Richtung zu lenken im Vordergrund. Auch ist ein Verorten der Tätigkeit im soziologischen Sinne nötig, zusätzlich muss aber eine Nutzenabfrage im Hinblick auf Funktion und Absetzbarkeit stattfinden.

3. Es folgt der Bereich des Kunsthandwerks, der, perfekt geformt, schmückende Elemente an Gegenstände oder Anderes bringt. Hierbei geht es lediglich um den schönen Schein, um das Erzeugen von Atmosphäre und nicht um eine Beladung mit Funktion oder Inhalt.

4. Und natürlich noch die Hobbyisten, die, oft dilettierend und ohne jedes Bewusstsein für irgendeinen Kontext, eigentlich nur zum eigenen Vergnügen versuchen zu schaffen. Diese Arbeiten bringen dem Betrachter oft wenig, da es ihnen an Originalität und initialer Aufladung mangelt, sie sind lediglich für den Produzenten aus therapeutischer Sicht wichtig.

Durch diese – nicht offen genannte – Klassifizierung und das tatsächliche Mitnehmen der Rezipienten in den Prozess, sowie die mangelnde Anleitung zum prozesslichen Umgang mit Kunst, ist es derzeit zu einer erheblichen Schieflage in der Erklärung des Begriffes Kunst gekommen. Verstärkt wurde dies noch durch die oben bereits erwähnte Banalisierung der Bildsprache, die Definition von Kunst durch den Einzug in „White Cubes“ und der nicht allgemein verständlichen Deutlichmachung der Gründe dafür.

Sowohl vor als auch nach dem zweiten Weltkrieg forderten Künstler ihre gesellschaftliche Relevanz ein. Sie versuchten ihren Sinn für die Gesellschaft in der Allgemeingültigkeit ihres Tuns zu begründen. Sie sahen dabei immer auf den Allgemeinnutzen, den direkt zu bedienen sie aber in den seltensten Fällen fähig waren. Oft wurden sie, als Folge des akademischen Ausbildungsbetriebs, viel zu früh in kommerzielle Hände genommen und so Potentiale, die erst durch Erleben offengelegt werden, abgetötet und diese gingen verloren. Es wurde Hergebrachtes manifestiert und eine Entwicklung abgeschnitten. Auch hier kam es zum Festhalten an lernbarem Wissen und der Verhinderung von Persönlichkeitsbildung.

All dies ging zum Ende des 20sten Jahrhunderts mit dem Zerfall der kommunistischen und zu Beginn des 21tsen Jahrhunderts mit dem Werteverfall des kapitalistischen Weltbildes einher. Es zählte nicht mehr die Sinnhaftigkeit eines Arbeitsprozesses und seiner Ergebnisse, sondern nur noch das Spektakel und die Auffälligkeit. Auch dies führte zu einem Verlust an Sinnhaftigkeit und Nutzen für den Rezipienten. Hierdurch wurde bildende Kunst für breite Bevölkerungsschichten immer unbegreiflicher und es stand letztendlich die Adaption des börsenorientierten Handelns im Vordergrund.

Diese Schere zwischen breiter Masse und „Eingeweihten“ führte aber, entgegen der Intention die Kunst näher ans Volk zu bringen, genau zum Gegenteil. Werke von „namhaften Künstlern“ werden für die breite Masse immer weniger erreichbar und werden statt zum Persönlichkeitsbildungsgut zur barocken Selbstaufwertung einiger weniger. Auf der anderen Seite schreitet, durch das träumerische Handeln einer großen Zahl an Hobbyisten, die Entwertung von bildungsrelevanter Kunst erschreckend schnell voran. Viele Künstler dieser Gruppe werden, durch eigenes Nichtbegreifen ihrer Arbeit und der sozialen Verankerung, zu „Hoflieferanten“ der Kuratoren. Themenbezogene Ausstellungen, bei denen die Leistung des einzelnen Künstlers immer mehr in den Hintergrund tritt, greifen um sich. Dies passiert selbst, wenn die Thematik der Ausstellung nicht bildungsrelevant, sondern eher oberflächlich, gewählt ist. Diese als Spielraumserweiterung definierte Offenheit führt zu Beliebigkeit.

Eine weitere Schwierigkeit der Kunst seit Beginn der Neuzeit ist die Einordnung nach formalen und  stilistischen Gesichtspunkten, nicht aber nach Inhalt und Aussage. Künstler einer bestimmten Gruppe arbeiten immer in ähnlicher Weise, auch wenn sie sich vom Inhalt unterscheiden. Es wird nicht darauf geachtet, welche Prozesse zum Werk führen, sondern nur der Duktus eines Werkes ist maßgeblich. Es spielt keine Rolle, welchen Prozess ein Werk beim Betrachter auslöst und ob dies zu nachhaltigen Bildern führt. Oft reicht es aus, an einer bestimmten Schule eine bestimmte Form des Bildnerns gelernt zu haben um einklassifiziert zu werden (Leipziger Schule, Düsseldorfer Schule…). Ganz unverständlich ist die rein geografisch geprägte Zuordnung zu einer Gruppierung (Brit-Art etc.).

Es stehen daher folgende Forderungen im Raum:

— Der Prozess der Entstehung von Kunst, angefangen von der Idee bis zur Entstehung und Aufladung des Werkes (hier als Spur betitelt) muss transparent werden.

—  Der Spur wird abverlangt, dass sie, in für den Künstler eigenständiger Weise, initial aufgeladen ist und so bei Rezipienten eigene Prozesse auslöst.

— Die Umgehensweise mit der Spur muss dem Rezipienten deutlich gemacht werden, um ihn so auf den Weg zu eigenem Erfahren, Fühlen und Persönlichkeitsbildung zu bringen. Der Rezipient soll also auf die Spur seiner selbst gebracht werden.

— Nicht die Gesellschaft, sondern das Individuum und dessen Entwicklung steht im Zentrum des Handelns. So wird, durch die Stärkung des Individuums, auch die Gesellschaft gestärkt.

— Ausschlaggebend ist nicht, welches Stilmittel und welche Formgebung ein Künstler anwendet, sondern der Arbeitsprozess und dessen Verdeutlichung. Er darf also nicht in klassischen Ismen, sondern muss in der Prozesslichkeit zu verorten sein.

— Wichtig ist das Suchen nach neuen Wegen und Bezeichnungen, um Kunst und deren Prozesslichkeit dem Einzelnen zugänglich zu machen. Hierbei werden die klassischen Wege des Betriebssystems Kunst nicht abgelehnt, sondern im Idealfall in neue Zusammenhänge gesetzt.

— So muss also, gerade in Zeiten der Orientierungslosigkeit in wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht, einen Neubeginn der Wertedeklaration statt finden. Kunst muss wieder als ein wichtiges, sinngebendes Element des Einzelnen und der Gesellschaft verstanden werden. Oder wie es Joseph Beuys formulierte: „Derjenige wird besser analytisch denken können, der sich mit Kunst ernährt hat!“

Cornelius Rinne 2009

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